Marokko


Neues Jahr, neue Reise

Um uns von der Pannen-Geschichte zu erholen und Silvester in Ruhe zu verbringen, fahren wir erstmal zu den heissen Quellen bei Fask. Wir finden den Ort zwar nicht wirklich attraktiv, doch wir treffen da nochmals den guten René und unsere neu gewonnenen Freunde Tanja und Bernd, mit denen wir gemütlich das neue Jahr einläuten.

Am Neujahrstag geht’s dann in einem Zug zurück in den Süden, nach Foum El Oued, in die Region von Laâyoune, dahin, wo unsere Misère begonnen hat und wir zwei der letzten drei Wochen ausharrten.

Morgen werden wir hier bei Moktar das letzte Mal duschen, dann den Wassertank, die Gasflasche und den Dieselvorrat auffüllen und die ganze Sache hinter uns lassen …

Plus en panne – die Reparatur 🙃

Wir haben René, den Schweizer Wohnmobil-Abenteurer, in Midelt gekreuzt und später auch etwas besser kennengelernt. Es macht Eindruck, wie er in seiner Allrad-Wohnung mit den zwei stolzen, ruhigen Hunden unterwegs ist und dabei allen und gerne behilflich ist. Aber René ist nicht einfach nur ein netter Kerl, sondern auch Automechaniker!
Schon auf der Rückfahrt von Casablanca habe ich Womo-René deshalb angefragt und er hat sich spontan bereit erklärt, schon tags darauf die 130km von Fask nahe Guelmim nach Tiznit unter die Räder zu nehmen, um uns das neue Verteilergetriebe einzubauen.

Am Mittag steht er da und wir schleppen den Sprinter erstmal vom staubigen Campingplatz auf einen schattigen Platz in einer ruhigen Seitenstrasse ganz in der Nähe.

Die Strasse wird nun kurzerhand zur Freiluftwerkstatt umfunktioniert und René legt sich einen Plan zurecht und dann selbst unters Auto. Schon nach kurzer Zeit sind die Kardanwellen freigelegt und trotz “Gniet” mit einer zu fest sitzenden Schraube ist das defekte Verteilergetriebe zügig ausgebaut. Nach einer Pause und mit Broccoli gestärkt, geht’s dann in die zweite Runde und unter steter Beobachtung des anhänglichen “Waisen” hat René das neue Getriebe bald sorgfältig montiert und die Wellen wieder drangeschraubt.

Nach einer letzten Kontrolle, ob auch wirklich alle Schrauben angezogen sind, und rund vier Stunden Arbeit kommt nun der grosse Moment: Ich starte den Motor, schalte ins D, gebe etwas Gas und … die Karre hat wieder Antrieb und fährt – hamdullilah – oder besser René sei Dank!

Casablanca oder der lange Weg zum Teil

Am 21. Dezember fahren wir nach Laâyoune zur Extra Tec, doch schon unterwegs wird unser Enthusiasmus gedämpft, denn wir erhalten eine Benachrichtigung von UPS, das Paket mit dem Ersatzverteilergetriebe sei wieder im Lager in Casablanca und warte auf die Verzollung. In der Hoffnung das sei eine Falschmeldung, harren wir den regnerischen Tag hier aus, fahren aber nach einer Nacht vor der Garage in der Stadt frustriert zurück nach Foum El Oued, wo wir die Weihnachtstage verbringen.

Da alle weiteren Anfragen bei UPS per Mail unbeantwortet bleiben und wir nicht mehr untätig rumsitzen und warten wollen, sprechen wir am 26. Dezember beim Douane in Laâyoune vor, wo uns erklärt wird, dass wir persönlich in Casablanca antraben müssten, um die Gebühren bezahlen zu können, was von hier aus trotz der angepriesenen Online-Zollservices nicht ginge. Danach kriegt Susan auch das erste Mal UPS Maroc an die Strippe, die sich aber ebenfalls nicht in der Lage sehen, die Zollabwicklung in nützlicher Frist zu erledigen; trotz bezahltem Expressservice ginge dies 2-3 Wochen.
Umgehend nehmen wir deshalb die 1100km nach Casablanca in Angriff und fahren los. Doch nach 570km via Tarfaya, Tan-Tan und Guelmim, wir erreichen beim Eindunkeln gerade den ersten Kreisel von Tiznit, verabschiedet sich das provisorisch reparierte Verteilergetriebe erneut mit einem Knall. Wir sind also wieder “en panne”, aber wenigstens ist diesmal die Bergung zum nahe gelegenen, mit Langzeitstehern vollgeparkten Camping ‘Municipal’ mitten in der Stadt wenigstens einfach.

Aber wie geht es nun weiter? Wir verbringen den ganzen nächsten Tag damit, rauszufinden, wie wir nun nach Casablanca und zum neuen Verteilergetriebe kommen. Sollen wir den Sprinter dorthin bringen lassen oder soll ich das VG mit einem Mietwagen dort abholen? Alle, von Hassan Mecanico, über den Campingchef und vielen weiteren, haben immer wieder neue Ideen und es wird viel telefoniert.
Gegen Abend, erst um 19 Uhr, tut sich dann eine Lösung auf. Es tauchen drei Typen von ‘Magique Drive’ (Manager, Fatso und Fahrer) auf und bieten für morgen einen neuen Mietwagen inkl. Chauffeur an. So würden wir die 1100 km hin und zurück und das Auslösen des Teils an einem Tag schaffen, doch ich müsse das Auto für zwei Tage buchen. Ich gehe auf das Angebot ein, mache eine Anzahlung und wir verabreden uns auf morgen früh.
Um 5 Uhr tauchen zwei der Typen (Fatso und der junge Fahrer) tatsächlich auf, doch mit einem schmutzigen, alten Dacia. Aber was soll’s, es ist die einzige Option. Der Junge fährt, der Fatso pennt im Fond und wir kommen ca. um 11 Uhr am Flughafen Mohammed V in Casablanca an, wo wir nach einigem hin und her schliesslich um 12 Uhr beim Areal landen, wo sich das UPS-Lager und der Douane befinden.

Als ich vorspreche, wird mir von den UPS- und den Douane-Leuten lapidar erklärt, dass ich völlig falsch informiert sei und dass ich das Paket nicht selber auslösen könne, sondern einen sog. Interlocuteur brauche. Nach der ersten Fassungslosigkeit beginne ich, mich gegen die ständig neu auftauchenden “Zuständigen” zur Wehr zu setzen, was mein Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen ungewöhnlich arg strapaziert. Doch schliesslich lohnt sich der Kampf und einer der Douane-Leute bei UPS lässt sich dazu herunter, sich der Sache anzunehmen. Er bereitet ein Verzollungsdokument vor, das ich dann auf der nahegelegenen Douane-Administration vorlegen und absegnen lassen muss. Wieder zurück im UPS-Lager gibt es noch die willkürlich festgelegten Zollgebühren (“on vous a fait un bon prix”) und ungerechtfertigte, zusätzliche Depotgebühren zu bezahlen, wonach ich das Paket ausgehändigt bekomme.
Mit dem Teil im Kofferraum machen wir uns auf die Rückfahrt, der Junge fährt, der Fatso pennt wie gehabt, und um 21 Uhr bin ich auf dem Camping in Tiznit zurück – müde, aber glücklich das Austauschverteilergetriebe nach dieser Odyssee endlich bei uns zu haben!

Rund um Tafraout

Tafraout ist schon eher touristisch, doch zumindest in der Winterzeit ist’s auf dem kleinen Markt und dem farbigen Souk, wo Babouches, Safran, Arganöl und urchige Metallwaren feil gehalten werden, sympathisch ruhig.

Berühmt ist das Städtchen insbesondere für seine Lage inmitten einer bizarren Felslandschaft direkt am Südfuss der westlichsten 2000er des Antiatlas.

Doch nebst dem bröseligen Granit, der mit Farbe vor Erosion geschützt werden muss, gibt es hier zähes und stacheliges Leben, Jäger, die der Antilopenkacke nachsteigen und Ziegen, die so richtig auf die Blätter der Arganbäume stehen.

… und weiter bis Tafraoute

Nach drei entspannten Tagen in Foum Zguid starten wir unsere zweite Antiatlas-Etappe.

Auf einer Piste im breiten Oued am Südrand der Gebirgskette fahren wir zuerst nach Westen, bis wir auf eine kleine Strasse treffen, die nach Norden in die Berge führt. Auf der öfter von Hochwasser und Bergrutschen stark beschädigten Strasse, geht’s durch grüne und gepflegt Oasen bis in den fruchtbaren Canyon von Agouinane.

Was uns hier im Talkessel erwartet, ist schlicht spektakulär: Auf einer Horizontaldistanz von 600m sind auf einem 1.5km langen, gerade so Sprinterbreiten, sich direkt am Abgrund entlang windenden, teils betonierten Weg 180 Höhenmeter zu überwinden – Pech hat der, dem hier jemand entgegen kommt 😕

Bis Tafraoute sind wir danach ebenso auf einsamen Geröllpisten durch Oueds, wie auch auf recht guten Strassen eng durch Oasen, serpentinig über Pässe und im hügeligen Hochland so zwischen 1100m und 1900m rauf und runter unterwegs. Die karge, manchmal öde Landschaft hier im westlichen Antiatlas kontrastiert immer wieder mit der scheinbar boomenden Bautätigkeit.

Nach Foum Zguid …

Eigentlich wär’s nah, auf der RN17 via Zagora würden bequem drei Stunden nach Foum Zguid reichen. Doch wir wollen unserer diesmal gebirgslastigen Durchquerung Marokkos, nun im Antiatlas, treu bleiben.
Als Nebeneffekt erhoffen wir zudem, weitere Begegnungen mit exoplanetarischen HIs zu vermeiden.

Also machen wir den “boucle nord”, fahren zum Übernachten auf den Tizi N’Tazazert (2312m) eben nach Norden, dann runter ins Dadestal, diesem entlang westwärts nach Ouarzazate, wo’s eine 300DH Busse für’s Gurt-nicht-tragen, dafür aber Bier im Carrefour gibt, und auf der ‘Route de l’Oasis de Fint’ wieder und weiter in den Süden.

Statt drei flache Stunden, werden es so halt drei steile Tage bis ins lässige Foum Zguid.

Felszeichnungen in Ait Ouazik

Felsgravuren aus der Jungsteinzeit (10’000 – 2’000 v.u.Z.) gibt es in Marokko zuhauf und wir haben auch schon viele davon besucht. Die verschiedenen Techniken (geritzt, gepunzt, geschabt) und die je nach Epoche unterschiedlichen Motive machen sie immer wieder interessant.

Die bedeutende Fundstelle bei Ait Ouazik liegt etwas erhöht am Rand eines prähistorischen Sees und umfasst geritzte Darstellungen von Tieren und Fangwerkzeugen, die etwa 8’000 Jahre alt sein sollen.

Das Schweigen der Sperren

Nachdem wir 50km vor Zagora auf der RN17 gelandet sind, die Reifen für den Asphalt wieder aufgepumpt haben und ich die Zündung einschalte, fehlt das typische “Knurren” der Unterdruckanlage, welche für die Zu- und Wegschaltung der Differentialsperren und der Untersetzung zuständig ist.
Und tatsächlich: All die schönen Schalter bewirken gar nichts mehr, die zugeschaltete Längssperre bleibt drin und die ausgeschalteten elektronischen Steuerprogramme bleiben aus bzw. deren Warnleuchten ein.

An ein normales Fahren auf harter Strasse ist so nicht zu denken, die Antriebsstränge wären bald futsch. Ich mache mich also vor Ort auf die Fehlersuche: Erstmal checke ich die Sicherungen, aber keine ist durchgebrannt. Die Umluftklappe funktioniert, also ist auch die Unterdruckpumpe ok und die Schläuche, die von der Pumpe abgehen, scheinen ebenfalls alle in Takt zu sein.
Die aufkommende, leichte Verzweiflung ob der nun ziellos werdenden Suche und dem Verdacht, ein elektronisches Steuerungsteil sei defekt, muss verdrängt werden. Also rufe ich in meiner Stammgarage, der Merbag Zürich Nord, an, wo ich von Herrn Soom und Herrn Sonderegger geduldig Hinweise erhalte, wo und wie konkret weitergesucht werden kann.

Dazu ist’s mir am Platz aber zu heiss und wir fahren offroad einige hundert Meter zu einer Akazie, wo’s ein wenig Schatten hat. Unterwegs fällt mir auf, dass auch die Tiptronic nicht mehr geht und es ist klar, dass der Defekt etwas mit der Elektronik zu tun haben muss.
Da das ganze Zeugs unter dem Fahrersitz verbaut ist, ist der Zugang recht mühsam, doch nachdem die Abdeckungen weg waren, kommt sofort Erleichterung auf: Da sind zwei herrenlos gewordene Drähte zu sehen, schön abisoliert, einfach irgendwo rausgerutscht. Auch wo sie hingehören ist bald klar, an ein Steuerklötzchen nämlich, das seinen Sitz verlassen hat und in den Drähten hängt.

Die Arbeit ist etwas nifelig, doch schon bald sind die Käbelchen neu gecrimpt und das Klötzchen mit einem Kabelbinder fixiert.

Schlüssel rein, Zündung ein, und es “knurrt” und “schnurrt” wieder, dass es eine Freude ist.

Lac Maider zum vierten

Nach zwei Tagen in der Kleinstadt Goulmima gönnen wir uns erstmals auf dieser Reise ein bisschen Wüste, umfahren die östlichen Ausläufer des Antiatlas auf Pisten und halten uns so von den grösseren Touristenorten fern.
Dabei kommen wir zuerst an der ‘Stadt des Orion’ und der ‘Himmelstreppe’ des deutschen Künstlers Hansjörg Voth vorbei, dann entlang des Oued Ghreris an der Geisterstadt Ba Habou und zum vierten Mal auf neuem Weg an der kleinen Oase Ramlia nach Westen zum Sebkhet Lac Maider.

Hoch hinaus …

Um in den Süden zu kommen, wollen wir diesmal das Rifgebirge, den Mittleren und den Hohen Atlas möglichst direkt auf kleinen Strässchen und Pisten durchqueren. Das Wetter ist schön und warm und es ist auch hoch oben in den Bergen noch kein Schnee gefallen. Nach zwei Tagen am Meer geht’s also los, auf die letztlich rund 1000km lange Berg- (19km) und Talfahrt (18km):

Der Anstieg von Meereshöhe ins Rif ist rasant und die enge Bergwelt vereinnahmt einem schnell: abgelegen, aber nicht einsam, arm, gepflegt, keine Fahrzeuge, viele Olivenhaine, die Ernte ist im Gange …