Westsahara

Guerguerat - Hassi 55

Die Einreise nach Marokko war diesmal richtig einfach: kein Scanner, kein Türe-öffnen, nicht mal aussteigen musste ich, bloss die obligate Frage nach der Drohne beantworten und die Pässe zusammen mit der auf dem Schiff bereits ergatterten 'Admission Temporaire' für das Fahrzeug durchs Fenster mehrfach vorweisen, das war's.

Dagegen leistet sich Marokko nach wie vor ein sehr um- und deshalb unverständliches Ausreiseverfahren im Süden.
Dass wir den dortigen Postenlauf entspannt angehen können, fahren wir früh morgens nach Guerguerat, stärken uns dort im Tankstellen-Resto mit einem letzten Berber-Omelett und einem Kaffee und stehen danach schon vor 10 Uhr und noch vor dem grossen LKW-Ansturm an der Grenze.

Hier nun la procedure in Guerguerate im Detail:

  1. Vor dem Grenzgelände links an den Lastwagen vorbei so weit wie möglich nach vorne fahren, in der Schlange vorrücken und eventuell auf Anweisung in die Lastwagenspur wechseln.
  2. Am Eintrittstor Pässe und Visa vorweisen und so weit wie möglich aufs Gelände fahren.
  3. Sofort gemeinsam zu Fuss zum ersten Kabäuschen gehen, um die Pässe bei der Polizei auszustempeln.
  4. Bis vor den Scanner vorrücken, wo am besten ein Mitreisender im Container-Büro links den Fahrzeugausweis vorzeigt, die 'Admission Temporaire' abgibt und dann dort auf das Scanner-Protokoll wartet.
  5. Alleine in den Scannerhangar fahren, beim Stop anhalten, den Hangar verlassen und den laut piepsende Scanvorgang abwarten.
  6. Danach das Fahrzeug aus dem Hangar bis zum kleinen Douane-Häuschen in der folgenden Kurve fahren und warten bis der zurückgelassene Mitreisende mit dem Scanner-Protokoll und der 'Admission Temporaire' auftaucht. Beide Dokumente den Zollbeamten am Ort vorweisen und eine kurze Kontrolle (ev. mit Hund) überstehen.
  7. Zum nächsten Kabäuschen vorrücken und gegenüber parkieren.
  8. Zu Fuss zum Douane-Schalter neben dem Eingang zum Hauptgebäude zurück laufen, um dort das Scanner-Protokoll verifizieren zu lassen.
  9. Zurück beim Wagen das Protokoll im gegenüberliegenden Douane-Kabäuschen abgeben (die 'Admission Temporaire' kann man behalten).
  10. Vorrücken bis kurz nach dem Ausgangstor, rechts anhalten, nochmals alle Dokumente einem Beamten überlassen und warten bis man sie zurückerhält.

Da fast alles ungewöhnlich flott läuft, können wir bereits nach knapp zwei Stunden Marokko verlassen und fahren erleichtert durch's Kandahar rüber zum mauretanischen Grenzgelände Hassi 55.

Hier bei den Mauren läuft die Sache meist recht gradlinig und effizient und wird eigentlich nur dann stressig, wenn sich Fixer, die sich um ganze Gruppen von Reisenden kümmern, die Beamten schmierend, mit einem Stapel an Pässen neben den bereits Wartenden nach vorn drängen.

Seit der Vergabe von eVisa ist die Prozedur die folgende:

  1. Aufs Grenzgelände fahren, gleich nach dem Tor rechts parkieren, im Gebäude links des Tores bei der Gendarmerie die Pässe durch ein vergittertes Fenster geben und auf die Frage nach den Reisezielen irgendwas angeben.
  2. Im Gebäude rechts vor dem Wagen bei der Polizei die Pässe und Visa registrieren.
  3. Im Gelände durch ein Tor vorrücken, im Sand parkieren, rechts durch ein Tor zu einem etwas erhöht stehenden Gebäude gehen und im Zollbüro die 'Autorisation de Circuler' erstehen.
  4. Wieder draussen im links stehenden Häuschen diese Autorisation verifizieren lassen (das ist neu).
  5. Mit dem Wagen bis zum Geländeausgang vorrücken, dort parkieren und linkerhand im Polizeibüro die Visa  beglaubigen lassen.
  6. Zu Fuss zum etwas zurück liegenden Visabüro gehen, um dort die Visa zu bezahlen und zu aktivieren (ist man das erste Mal hier, werden Fingerabdrücke und ein Foto aufgenommen).
  7. Dann nochmals zur Polizei spazieren, um die nötigen Einträge und Stempel in die Pässe zu bekommen.
  8. Beim Ausgang ein letztes Mal die Pässe zeigen.

Obwohl wir neben all dem offiziellen Hin und Her noch auf dem Grenzgelände einige Euros gegen Ougouiyas tauschen, eine SIM von Mauritel erstehen und im Gebäude unmittelbar links nach dem Ausgang noch gleich die Fahrzeugversicherung lösen, sind wir schon nach anderthalb Stunden unterwegs zum Camp 'Villa Maguela', kurz vor Nouadhibou am Meer.

Zügig in und durch die Westsahara

Nach Guinea ist es noch weit und es ist definitiv besser dort während der trockenen Monate unterwegs zu sein, also machen wir für unsere Verhältnisse mal ein Bisschen vorwärts.

Nachdem wir in zwei Tagen auf der schnellen Route National via Tata, Akka und Assa und der immerhin geteerten Provinzstrasse nach Labouirat ganz im Süden von Marokko gekommen sind, leisten wir uns dennoch eine "Abkürzung" und fahren durch die einsamen Hügel nördlich von Haouza auf Pisten in die Westsahara.

Anderntags machen wir einen Zwischenhalt in Smara, wo wir den "Amgala-Fake" verifizieren, schaffen's dann aber bis zum Abend noch durch Laâyoune und bis Foum El Oued ans Meer, wo uns Freund Moktar am nächsten Morgen eine Dusche und frisches Wasser offeriert.

Ab da geht's dann gefühlt endlos der meist öden, windigen und leeren Atlantikküste entlang, wo es auf 750km genau zwei eigentliche Städte gibt: In Boujdour gehen wir zMittag essen und an Dakhla, weit draussen auf der Halbinsel, fahren wir diesmal vorbei. Dazwischen übernachten wir irgendwo unmittelbar an der Klippe und werden von den, an der Küste zuverlässig früher oder später angetippelt kommenden Soldaten freundlich kontrolliert und für zwei erfragte Biere später grosszügig mit frischem Fisch beschenkt.

Seit gestern sind wir nun hier in Lamhiriz nördlich von Bir Gandouz am Strand, nur noch gut 100km von der maurischen Grenze entfernt.

Der Amgala-Fake

Seit dem 19. Februar 2025 verbreitet sich das Gerücht der Eröffnung eines neuen Grenzübergangs zwischen Marokko und Mauretanien bei Amgala südlich von Smara (Westsahara). Eine Internet-Suche nach 'amgala border' ergibt unzählige solcher Berichte, allesamt von Marokko nahen bzw. von Marokko kontrollierten Presseagenturen, kein einziger von einer unabhängigen, glaubhaften Stelle, keiner vom direkt betroffenen Mauretanien.

Dass die ganze Sache stinkt und einfach nur eine grossangelegte Propagandaaktion Marokkos ist, mit dem Ziel die Beziehungen zwischen Mauretanien und Algerien zu torpedieren und die Position der Polisario zu schwächen (1, 2, 3), wird schnell klar, wenn man die Artikel genauer unter die Lupe nimmt.
Da wird gegenseitig abgeschrieben, werden Fotos kopiert und überall die gleichen absurden, überzogenen und falschen Aussagen gemacht: Zum Beispiel ist die Rede von einer Verbindung nach Mauretanien via Amgala und Tifariti, das mehr als 100km östlich von Amgala liegt (4), von 82 neuen Grenzposten, die Mauretanien eröffnen wolle (5) oder von einem First-Class Taxi-Dienst ab Smara in Richtung Amgala (6). Krass ist ein Artikel, bei dem unter dem Titel 'Morocco and Mauritania finalise construction of new crossing' ein Foto der Grenzanlage von Guerguerat prangt, ein klassischer Fake (7).

Auch bzgl. dem Zeitpunkt der Eröffnung herrscht ein grosses Verwirrspiel, da ist in der Presse erstmal die Rede von August, im September dann von Oktober und einem Reisenden wurde vor etwa einem Monat der Dezember genannt, Begründung für die Verzögerung seien die fehlenden Computerinstallationen auf mauretanischer Seite.
Am 2. Dezember nun wurde uns vom Polizisten am Nordcheckpoint von Smara erklärt, das dauere noch einige Wochen, weil die Strasse (von der es im Februar hiess, sie sei zu 95% fertiggestellt) immer noch nicht fertig sei, und der Typ am Westcheckpoint war sichtlich und hörbar amüsiert ab der Frage nach dem neuen Grenzposten.

Dass Mauretanien seinerseits kein Interesse an einer Verbindung von Marokko nach Bir Moghrein haben kann, scheint mir übrigens klar. Eine Strasse von der Grenze nach Zouérat gibt es nicht und ein Ausbau der Strecke kostet viel Geld und wäre ein Affront gegenüber Algerien im Hinblick auf die neue Transsaharienne.
Zudem steht Mauretanien seit einigen Jahren mit Marokko bzgl. Transit von Gütern nach Westafrika im Clinch. Versuche die Durchfahrtsgebühren für Lastwagen zu erhöhen, wurden von den Marokkanern stets mit Blockaden in Guerguerat beantwortet und schliesslich wieder fallen gelassen. Auch der Bau des neuen Tiefseehafens bei Dakhla, um die Transporte aufs Meer zu verlagern, ist keine freundschaftliche Geste.

Fazit: Auch wenn der Grenzposten Amgala / Hassi XY für uns Wüsten-Reisende eine wirklich lässige Alternative zur langwierigen und manchmal auch langweiligen Anfahrt über Guerguerat wäre, er bleibt vorläufig ein Wunschtraum, was schliesslich durch das kurzangebundene und trockene Dementi des 'Ministère Mauritanien de l’Équipement et des Transports' vom 12. August 2025 bestätigt wird.