Guinea

Zurück in den Senegal

Mit unserem Trip durch die Berge des Fouta Djallon haben wir die Horrorstrecke Mamou-Labé der N5 östlich liegen lassen und kommen nun, bis auf das staubige Trassee bei der Baustelle über den Sinta-Pass (10km), auf gutem Teer entspannt nach Norden zur guineisch-senegalesischen Grenze.

Die Ausreise aus Guinea entpuppt sich dann mit dreieinhalb Stunden als eher langwierig und etwas schräg. Hier les procédures bizarres im Grenzgelände von Sambailo ...

  • Police:
    vor dem Strick über die Strasse rechts parken, zu Fuss zum Aussenschalter linkerhand, Pässe ins schwarze Loch geben, die Frage ob Ein- oder Ausreise beantworten, fürs Foto grad hinstehen, von einer schwarzen Hand die Daumen aufs Fingerprintpad gedrückt bekommen, es wird gestempelt, Pässe wieder entgegennehmen, von einem Polizisten ins Haus zum Chef de Poste geführt werden, diesem die Pässe geben, seine Enttäuschung, dass wir tatsächlich Visa-Sticker in Conakry geholt haben, zur Kenntnis nehmen und wortlos entlassen werden
  • Douane:
    vor dem Strick über die Strasse warten, Strick wird runtergelassen, vor dem Zollgebäude links auf der Strasse parken, das war falsch, geparkt wird gefälligst genau dort, wo man schlecht hinkommt, alle anderen blockiert und schlecht wieder raus kommt, von einer Lakaiin in properer Uniform (herausgeputzt wie hier alle in Zöllner-Uniform) einem Unterlakaien zugewiesen werden, von diesem ins entferntere Zollgebäude begleitet werden, zusehen, wie der Unterlakai unterwegs einem 3-Streifen-Wichtigen unterwürfig von hinten die Tasche abnimmt, zusehen, wie diese in dessen Büro in ein Regal gelegt wird, zusehen, wie bei dieser Gelegenheit gerade noch dessen kaputter Liegestuhl in den Gang befördert wird, froh sein, dass der Lakai sich nun einem wieder zuwendet und in einem engen Büro abliefert, abwarten bis der links hinter dem Computer, identifizierbar der Ranghöhere, sein Telefonat fertig säuselt und dann den vor mir Wartenden anbellt, zusehen, wie er im Carnet de Passage blättert, nach einem weiteren Bellen, dann sogar was reinschreibt und nach erneutem Bellen seinen Unterhund am Nebentisch, der einfach nur dazusitzen scheint, ankläfft die Sache mit dem Angebellten zu übernehmen, mit dem Ranghöheren das Büro verlassen, zum Chef de Poste-Büro gehen, dort klopfen und warten (so wie's der Avis an der Tür verlangt), sich fragen, wie hoch der Ranghöhere eigentlich ist, mit diesem Smalltalken über rotes Kreuz, weisses Kreuz, Switzerland?, aha... Suisse pays, er lächelt sogar, ins CdP-Büro eintreten und vom nun Rangniederen vor dem Pult des Generals hingesetzt werden, warten bis der General wortlos das CPD unterschreibt, das Büro des Generals verlassen und zum Büro des nun wieder Ranghöheren gehen, ertragen, wie dieser mit dem Stempel in der Hand und offenem CPD vor sich schon wieder irgendwas zu bellen hat, kurz das Zimmer verlässt, sich wieder zurück tatsächlich an sein Vorhaben erinnert und den Stempel aufs Papier knallt
  • Scanner:
    hoffen, dass bei der Ausreise nicht gescannt wird, von einem mit Trillerpfeife auf der Strasse vom Gegenteil überzeugt werden, vor dem Hangar Angaben fürs Protokollformular machen, in den Hangar fahren und draussen warten, Scanner-Lastwagen bewegt sich auch nach längerer Zeit nicht, ist defekt, also zurücksetzen aus dem Hangar und warten, nach einer Stunde wieder reinfahren und zu Fuss verlassen, piep piep piep ..., fertig gepiepst, grünes Licht, Wagen aus dem Scanner holen, Susan hat das Protokoll bereits erhalten, also fahren wir

... und 30km später in Boundou Fourdou an der Landesgrenze

  • Police aux frontière (PAF):
    vor dem Strick anhalten, ins Gebäude rechts gehen, Pässe werden gescannt, vier Finger der rechten Hand aufs Fingerprintpad drücken, Pässe vor dem Gebäude ausstempeln lassen
  • Police:
    vor dem Strick anhalten, vors Gebäude links an einen Tisch gehen, vom Strick-Wärter zurück gerufen werden, um das Auto nach vorn zu stellen, fast wieder beim Tisch, angewiesen werden es 10m mehr nach vorn zu stellen, wütend werden und dem Knilch Blödheit vorwerfen, lachende Zustimmung der Polizisten beim Tisch erhalten, Pässe werden von Hand in grossem Buch registriert, uff, nur weg hier

Es geht aber auch anders und nochmals 35km weiter in Kalifourou erleben wir eine ziemlich flotte Einreise in den Senegal.

  • Hygiene-Programm:
    beim Freiluftlavabo anhalten, fröhliches Händewaschen, wozu das Ganze und so?, und weiter
  • Police:
    vor dem Schnürchen parken, Pässe, Carte gris und Permit vor dem Haus links abgeben, plaudern mit den Polizisten über Migration, Austausch der E-Mail-Adresse, alle Papiere wieder zurückerhalten
  • Ministère de la Santé:
    zum nächsten Haus links gehen, Gelbfieber-Impfstatus nachweisen, das Schnürchen fällt
  • Douane:
    vor dem Strick parken, ins Haus links gehen, das CPD in eine ungeduldige Hand stecken, die Effizienz des Officers bewundern, bonne route et bienvenue

Hoch oben durchs Fouta Djallon

Wir kommen von der Barrage Souapiti, sind auf einer dieser rot staubenden Pisten unterwegs in die Höhen des Fouta Djallon und ziemlich überrascht, dass wir kurz vor der Ortschaft mit dem schönen Namen Télimélé im 'Felix Night Club All Together' einige Biere und sogar eine Flasche Pastis auftreiben können.

So mit "Kurven- und Wellenöl" ausgestattet, nehmen wir ab Madina Tellico den kaum befahrenen "Höhenweg" durch die Region Brouwal unter die Räder. Die auch für hiesige Verhältnisse recht strapaziöse Piste führt über Kuppen und Hochflächen in Höhen zwischen 1000m und 1200m, Canyons und Mulden vermeidend, via Lélouma durch die Berge zur N5.

Um unser Fahrzeug nicht allzu harten Schlägen und groben Verspannungen auszusetzen, halten wir uns an das Wolof-Sprichwort Ndànk-ndànk ay jàpp golo cib ñaay - nur mit Geduld fängt man den Affen im Busch - und lassen uns bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 13km pro Stunde mehr als zwei Tage für die Route. Zwei ruhige Tage voller Eindrücke, Einsichten und Aussichten, die uns nochmals einige lässige Begegnungen mit den so liebenswürdigen und freundlichen Menschen Guineas bescheren.

Barrage de Souapiti

Auf der Rückreise in den Norden wollen wir via die Barrage de Souapiti und Télimélé nochmals hoch in die Berge.
Da wir über diese Route nicht viel wissen, staunen wir nicht schlecht, als wir die N3 bei Koubiya in Richtung Stausee verlassen. Statt auf einer im üblichen Schauerzustand, geht's auf der momentan wohl besten und leersten Strasse Guineas durch dieses relativ dünn besiedelte, fruchtbare Farmgebiet entspannt bis zum Damm.

Hier wird der Konkouré, einer der grossen, dem zentralguineischen Hochland Fouta Djallon entspringenden Flüsse, seit Ende 2020 im hügeligen Tiefland gestaut. Entstanden ist ein stark verästelter See mit einer Fläche von 253 Quadratkilometern, die den hier lebenden Menschen zuvor als Land zur Verfügung stand. 16'000 Menschen aus 101 Dörfern wurden vertrieben oder umgesiedelt, deren Häuser mitsamt 42 km² Ackerland, sowie 550'000 tragenden Bäumen überflutet und wichtige Verbindungswege zwischen Siedlungen gekappt.
Was das für die direkt Betroffenen und auch für die Bewohner der umliegenden Dörfer, wohin die vertriebenen umgesiedelt wurden, bedeutet, legt der Bericht 'We're Leaving Everything Behind' von Human Rights Watch schon 2020 ausführlich dar. Und dass die Bevölkerung ganz einfach betrogen wurde und im Stich gelassen wird, zeigt die vier Jahre danach entstandene Studie von International Rivers eindrücklich.

Das Wasserkraft-Projekt 'Souapiti' wurde im Rahmen der chinesischen Belt and Road Initiative (Neue Seidenstrasse) finanziert und von der chinesischen CWE (China International Water & Electric Corporation) realisiert - ein weiterer Beweis für die grosse L'Amitié Sino-Guinéenne ?

Erst nach Prüfung unserer Visa und dem Grund unseres Erscheinens hier lassen uns die Gendarmen am Checkpoint die Brücke über den Ausfluss des Konkouré queren. Schon 500m danach ist dann fertig lustig mit Asphalt und die Strasse wird zu einer staubigen und mühsamen Piste durch die Dörfer oberhalb des Sees. Zugegeben, auch ein Stausee erzeugt diesen romantischen Weitblick und es gibt schöne Plätze am Ufer. Doch man merkt bald, dass da etwas nicht stimmt, die Siedlungen und die Menschen haben keine harmonische Verbindung zum See und in den Dörfern ist eine gewisse Tristesse nicht zu übersehen.

Koukoudé am Cap Verga

Nach der ganzen Hektik auf den Strassen nach und in Conakry sehnen wir uns nach einem ruhigen Platz am Meer. Wir fahren deshalb hinter den schwer zugänglichen Flussdeltas, Mangrovenwäldern und Feuchtgebieten der Küste entlang nach Nordwesten zum Cap Verga.

Auf der Südseite des Caps in den Campements mit den schönen Namen 'Chez Ariette' bei Sobanet Karaf und 'Le Dauphin' bei Dankelekele, wo man erst nach Querung der exklusiven Trassees für die Bauxit-Lastwagen hinkommt, sind wir zwar in attraktiver Umgebung und nah am Meer, doch der Lärm der LKWs, der Baustellen und der Schiffsverladeanlagen am Cap rund um die Uhr ist unerträglich (mehr dazu im Beitrag Chuinée).

Also wechseln wir zum Campement 'Tomboliya Village' etwas abseits vom Fischerdorf Koukoudé, wo wir etwa 300m von der Küste entfernt, luftig unter Palmen im Schatten stehen. Tagsüber ist es hier ruhig, doch insbesondere von Freitag bis Sonntag geht in der nahe gelegenen Boîte im Dorf die Post ab und vor allem die grosse Community von Menschen aus Sierra Leone feiert mit lauter Musik bis in die frühen Morgenstunden.

Doch irgendwie ist's hier lässig und entspannt bei Moussa und den anderen und wir bleiben letztlich ganze 10 Tage. Bei Spaziergängen ins Dorf und am Meer tanken wir etwas Energie und nach genügend vielen 'Guiluxes' schlafen wir trotz des anhaltenden Afropopgedudels recht gut.

Chuinea

Abends kommt Alseny vorbei, mit gelbem Helm und oranger Weste mit dem Firmenlogo von HUAYU drauf. Er ist stolz, hat er doch einen Job bei der chinesischen Gesellschaft erhalten, die hier im grossen Stil im Bauxitbusiness mitmischt. Er ist müde und hungrig und erzählt uns beim zNacht schmunzelnd von der Einführung auf der Baustelle, wo eine neue Anlage zur Herstellung von Tonerde, dem Vorprodukt von Aluminium, entstehen soll: "Die Regeln sind einfach. Erstens, wenn Chef Li spricht, hört man zu, zweitens, wenn Chef Li nicht spricht, hält man den Mund und drittens, was Chef Li anordnet, wird befolgt."
Alseny, 24-jährig, aus dem Fischerdorf Koukoudé, hat einen Dreijahreskontrakt abgeschlossen, ist jetzt Nummer 57 und erhält ein Anfangsgehalt von 3'000'000 GNF (~ 300€) im Monat, was für ihn passt. Er steht also ab sofort sehr früh auf, geht 7km zu Fuss zur Arbeit, steht 10 Stunden am Tag und 6 Tage die Woche an einem Betonmischer, ist dort für seine Sicherheit selber verantwortlich (ein paar FFP-Masken hatten wir übrig) und hat sich selber zu verpflegen (die Kantine ist nur für die Chinois da).

Guinea fördert seit 2023 weltweit am meisten Bauxit und verfügt zudem über die grössten Reserven des roten Erzes. Der Abbau findet im Tagebau statt, wobei die obersten Erdschichten einfach weggesprengt werden und das Erz dann auf breiten, gerade und rücksichtlos durch den Urwald gefrästen Pisten von einer Armada von Lastwagen zu den Aufbereitungsanlagen und den Verladestationen am Meer gekarrt wird. Die Umweltschäden und der Wasserverbrauch (insb. zur Staubbindung) sind enorm, der Staub und der anhaltende Lärm gesundheitsgefährdend, Lebensstrukturen werden durch die firmenexklusiven Pisten zerschnitten und Menschenrechtsverletzungen sind alltäglich.

Firmen aus vielen Ländern teilen sich dessen Abbau, doch seit die Militärregierung ab 2024 die lokale Verarbeitung des Bauxits zu Tonerde fordert und die Verträge für den Bau der dazu nötigen Infrastruktur wie Strassen, Raffinerien und Häfen vor allem an chinesische Unternehmen vergibt, wächst die Bedeutung der Chinesen, was nordwestlich von Conakry von Boffa bis zum Cap Verga augenfällig ist.

Conakry, ein Muss?

Die eVisa für Guinea sind a priori Transitvisa und wer Guinea spätestens nach 5 Tagen wieder verlässt, ist fein raus. Wer länger bleiben will, so wie wir, muss in Conakry auf dem Flughafen zum Visa-on-Arrival-Office, um dort ein Touristenvisa in Form des üblichen Klebers in den Pass zu erhalten.

Wir sind also wieder auf der N5, die ab Mamou in tadellosem Zustand ist, und genau dorthin unterwegs ...

Der Flughafen liegt weit draussen auf der Peninsula, also fahren wir ab dem 'Bienvenue a Conakry' gefühlt endlose 30km immer geradeaus in die heisse, lärmige, stinkende, aber farbige Zwei-Millionen-Metropole.

Der Flughafen ist leicht zu finden, es gilt einfach auf der N5 die Ausfahrt zum entsprechenden Rondell nicht zu verpassen (N9.57632° W13.62002°), die Nationalstrasse zu überqueren und sofort rechts abzubiegen und schon fährt man auf das grosse, fast leere Parkareal. Hier ist es erstaunlich sauber und ruhig und das Personal freundlich und hilfsbereit. Ohne, dass wir nur einmal einen Ausweis zeigen müssen, lotst man uns durch das Flughafengebäude bis zum richtigen Ort (N9.57549° W13.61981°), wo eine nette Dame unsere eVisa scannt und uns ohne viel zu Reden in zehn Minuten Dreimonatsvisa ausdruckt und in den Pass klebt. Das ist kostenlos und es wird auch kein Bakschisch erfragt, ganz nach dem Avis, der am Schalter angebracht ist, nachdem man den Beamten hier keine "Geschenke" zu machen hat.

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