Algerien

Nach In Salah und weg ...

Ausgeruht wie selten und voller Tatendrang verlassen wir Beni Abbes. Wir sind glücklich darüber, endlich wieder on-the-road zu sein, obwohl ein bisschen Wehmut schwingt schon mit, immerhin haben wir dort drei wundervolle Wochen verbracht.

Unser Ziel ist erstmal In Salah in Zentralalgerien und deshalb geht's auf die 'Route de la Saoura' alias RN6 und ab nach Südosten. In Kerzaz überreichen wir der Police eine Fiche, beantworten die Frage "Où voulez-vous aller? À Timimoun ou à Adrar?" mit "Oui" und fahren mit ihrem Segen "Bonne route!" unbehelligt weiter. Dies sollte übrigens dann bis Djanet der letzte Dialog mit Polizisten oder Gendarmen bleiben.
Bei der Naftal (in Algerien das Synonym für Tankstelle) an der Abzweigung nach Taghouzi biegen wir auf die alte "Franzosenpiste" südwärts ab, eine einfach zu fahrende "Abkürzung" direkt zur Strasse Tsabit-Tabelbala.

Anderntags erreichen wir schon bald wieder auf der RN6 Adrar, kaufen kurz Brot und verlassen die Stadt am Flughafen vorbei in Richtung Aoulef. Auf der meist gut asphaltierten, recht neuen Strasse kommen wir an den vielen, in den letzten Jahren in der Ödnis aus dem Boden gestampften Farmen vorbei schnell vorwärts und können uns so am Abend, etwas vom heftigen Wind geschützt, bereits an den Rand der Palmerie neben dem Ruinen-Ksar 'Sidi Issa' kurz vor Aoulef stellen.

Unter anderem weil wir die RN52 bis In Ghar letztes Mal in extrem schlechtem Zustand erlebten, fahren wir von Aoulef einfach auf der Strasse nach Zaouia etwas weiter nach Süden und umgehen die RN52 bis kurz nach In Ghar in einem weiten Bogen offroad und auf Pisten.

Ab da ist die Strasse in gutem Zustand und wir sind schon bald in In Salah. Hier gehen wir einkaufen, füllen den Wassertank auf und unsere Bidons mit Gazoil und ab geht's via Foggaret Ezzaouia in den weiten Osten ...

Geruhsam in Beni Abbes

Fast täglich neue Eindrücke an neuen Orten in unbekannten Landschaften, bei Begegnungen mit Menschen fremder Kulturen in fremden Welten ... Reisen ist faszinierend unterhaltsam und das unverbindliche Kommen und Gehen verlockend einfach, doch lässt man es nicht zur Oberflächlichkeit verkommen, kommt man manchmal kaum zur Ruhe.

In Beni Abbes, dem Städtchen eingebettet zwischen dem Oued Saoura und den Dünen am Westrand des Grand Erg Occidental, gelingt uns dies hingegen sehr gut. Wir kennen den Ort und haben Freunde hier, was uns eine gewisse Vertrautheit vermittelt, und es gibt diesen schönen, ruhigen Stellplatz neben der Eremitage 'La Fraternité'.
Wir kommen hier diesmal so gut zur Ruhe, dass wir kaum merken, wie die Zeit vergeht und wir uns nach fast drei Wochen Urlaub richtig loseisen müssen.

In der Eremitage, wo einst auch Charles de Foucauld lebte, hausen heute nur noch die Frères Raymond und Hubert:

Doch vor Ostern treffen sich hier Katholiken ganz Algeriens:

Auch richtig starker Regen füllt die Brunnen nicht:

Einige der Menschen die wir und die uns besuchen:

Im erst gerade wiedereröffneten Museum ist noch nicht ganz alles am richtigen Platz:

Auf unseren Spaziergängen in und um die Stadt:

Entlang der Eisenbahn

Nein, diesmal ist nicht die Erzeisenbahn von Nouadhibou nach Zouérat in Mauretanien gemeint, die mit ihren langen Zugkombinationen Weltrekord hält. Hier ist die Rede von der in Rekord verdächtiger Zeit gebauten, 950km langen Bahnverbindung von Béchar mit Gara Djebilet, der riesigen Eisenerzmine südlich von Tindouf.

Als wir anfangs 2023 die Strecke Béchar-Tindouf hin und zurück fuhren, deutete noch gar nichts auf ein solches Megaprojekt hin; die Bauarbeiten begannen ja auch erst im Dezember. Als wir dann im Februar 2024 das erste Mal von Mauretanien her nach Algerien einreisten, waren im Hotel Djebilet in Tindouf auffällig viele Chinesen untergebracht, wie sich herausstellte Ingenieure der CRCC (China Railway Construction Coorporation), und neben der Strasse nach Béchar diverse Baustellen zu sichten. Beim zweiten Mal im April 2025 waren die Chinesen immer noch da und das Gebiet entlang der RN50 glich einer endlosen Grossbaustelle.
Jetzt beim dritten Mal ist das 'Djebilet' fast leer und die Chinesen sind weg, dafür ist, wie wir bald sehen werden, entlang der Strasse nach Béchar die neue Eisenbahnlinie zu bewundern, die schon Ende letzten Jahres, also in bloss 25 Monaten, fertiggestellt wurde!

Als wir nach drei Tagen Tindouf verlassen und nachdem am grossen Checkpoint beim Flughafen unsere Daten in den Computer eingetippt sind, überrascht uns der Chef de poste nicht nur damit, dass er unserer Bitte, keine Eskorte zu organisieren, widerspruchslos entspricht, nein, er weist sogar die nachfolgenden Posten entsprechend an. So werden an den nächsten zwei Checkpoints einfach unsere Pässe fotografiert, bei den folgenden zwei bloss noch kurz angeschaut und bei den letzten dreien werden wir schlicht durchgewunken.

Nach einer Übernachtung hinter den Gleisen kommen wir entspannt in Beni Abbes an und stellen uns wie die letzten Male unten bei den Gärten neben die Eremitage.

Die neue Transsaharienne gedeiht

Das Projekt einer Strasse von der westalgerischen Stadt Tindouf nach Zouérat in Nordmauretanien wurde schon Ende 2021 bei einem Treffen der Staatspräsidenten von Algerien und Mauretanien in Alger ins Leben gerufen. Das Vorhaben ist, die bisherige, gegen 800km lange und mühsame Wüstenpiste via Bir Moghrein, durch eine Asphaltstrasse mit moderner Infrastruktur zu ersetzen. Dadurch würde die mauretanische Nationalstrasse N1 vervollständigt und das Land an das Strassennetz Algeriens angeschlossen.

Zusammen mit der an der algerisch-maurischen Grenze geplanten Freihandelszone soll so der "kommerzielle und industrielle Austausch" zwischen Algerien und Mauretanien, schliesslich aber auch zwischen dem östlichen Maghreb und der ganzen Region Westafrika gestärkt bzw. gefördert werden. Die Etablierung dieser neuen Transsaharienne ist insbesondere deshalb sinnvoll, weil die Handelswege über Tamanrasset in den Niger bzw. über die Tanezrouft nach Mali aufgrund der aktuell instabilen Situation in der Sahelzone stark beeinträchtigt sind und die Atlantikroute ausschließlich von den Marokkanern kontrolliert wird.

Das erste Mal haben wir von diesem Mega-Projekt gehört, als wir im Februar 2023 in Tindouf zufällig mit algerischen Ingenieuren ins Gespräch kamen und ich habe basierend auf Presseberichten später einen ersten, spekulativen Bericht dazu geschrieben. Unterdessen sind wir aber bereits dreimal bis in die nördliche Spitze der mauretanischen Region Tiris Zemmour gereist, um dort nach Algerien einzureisen, und konnten uns vor Ort zum Stand der Dinge umsehen.

Februar2024
Von Arbeiten an einer neuen Strasse war damals unterwegs rein gar nichts zu sehen. Aber neben dem alten containerbasierten Grenzgelände bei Moustapha Ben Boulaid/Hassi Abdala 75 glänzte überraschend eine riesige, neue Anlage, die gerade ihren letzten Schliff erhielt. Sie muss in weniger als drei Monaten aus dem Boden gestampft worden sein, denn auf Satellitenbildern von Anfang Dezember 2023 gab's davon noch keine Spur. Anlässlich der Einweihung dieser Grenzanlage am 22. Februar 2024 wurden erstmals auch die Bauarbeiten für das Strassenprojekt offiziell lanciert. Auf diesen Aspekt, sollte wohl das zur Feier des Tages in Reih und Glied drapierte, schwere Baugerät hindeuten.

März 2025
Unerwartet kreuzten wir in den Gebieten En Nsour und Kreb Akouadim neu geschobene, breite Pistenstücke, folgten ihnen aber nicht, da sie irgendwie isoliert und verlassen schienen. Bei der Übernachtung im En Nsour sahen wir sehr weit entfernt möglicherweise das Licht einer Base de Vie, doch erst kurz vor und bei der Grenze waren einige konkrete Anzeichen auf Bautätigkeiten festzustellen.

März 2026
Im Gebiet Amgouna stossen wir von Süden kommend nicht ganz unerwartet, aber mit 30km unterhalb der DARS-Grenze früher als gedacht, auf das fortgeschritten bearbeitete und befahrbare Trassee der neuen Strasse. Auf den etwa 206km, denen wir dem Trassee kurz nach Osten und dann nach Norden bis zur Grenze folgen, wird rege gearbeitet; uns passieren Lastwagen, vor allem Kipper, in beide Richtungen, wir stossen auf kleinere und grössere Bautrupps und wir kommen an diversen Arbeitercamps, den sogenannten Base de Vie, vorbei.

Wir befinden uns auf dem Phase 1-Abschnitt der Transsaharienne-Baustelle, der die ersten 320km umfasst und in 30 Monaten ab Baubeginn vom Februar 2024 fertiggestellt sein soll, also bis Ende August dieses Jahres. Dieser Abschnitt ist der schwierigere, denn das hügelige Gelände im Norden, mit den vielen Oueds, erfordert grossen Aufwand hinsichtlich der Drainage. Für die Phase 2 bzw. die restlichen 440km, sind dann 40 Monate vorgegeben, sodass die Bauarbeiten eigentlich anfangs 2030 abgeschlossen sein sollten. Dafür, dass das auch funktioniert, wird seit Februar 2025 von höchster Stelle Druck gemacht.

Übrigens ist dieses Projekt das erste grössere Auslandprojekt Algeriens. Es wird von Algerien finanziert, von algerischen Designfirmen projektiert, von algerischen Firmen wie der COSIDER mit ausschliesslich algerischen Arbeitskräften umgesetzt und schliesslich für die nächsten zehn Jahre inkl. der Naftal-Tankstellen unterhalten.

Quellen:  1 2 3 4 5 6

Direkt von Atar nach Algerien

Anders als in den letzten zwei Jahren brechen wir diesmal zu unserer Fahrt nach Algerien nicht ab Zouérat, sondern direkt von Atar aus auf. Via Chinguetti, dann Ouadane und an El Ghallaouiya vorbei geht's zuerst nach Nordosten bis El Mreiti, wo wir schon seit langem mal hin wollen, und dann nordwärts in Richtung Tindouf. Im Detail lassen wir uns dabei wie immer von Fundstellen alter Grabmonumente leiten, die wir auf Manfreds toller Webseite Archaeoland finden.

Unsere Route ist lang, mit fast 1400 Kilometern bis Tindouf sogar sehr lang, und sie hat weitgehend offroad-Charakter, sind doch zwischen der Übernachtung nach Ouadane und den Trasseeabschnitten der neuen Transsaharienne am letzten Tag nur wenig Abschnitte eigentlichen Pisten zuzuordnen.
Deshalb und weil wir generell eher doucement unterwegs sind, dauert die Reise fast 8 Tage. Das Wetter ist uns derweil wohl gesinnt, tagsüber mit um die 28°C und einer leichten Brise sehr angenehm und nachts unter 10°C richtig erfrischend.

Tag 1 (54 km): Nach dem überraschend nötig gewordenen Flicken eines gepiesackten Pneus und dem notfallmässigen Kauf eines neuen Wagenhebers kommen wir erst gegen 15 Uhr von Atar weg. Es reicht gerade noch über den Ebnoupass und bis zu den Bergen von Zarga.

Tag 2 (229 km): Durch weichen Sand geht's nach Chinguetti, durch noch weicheren Sand via Tanouchert nach Ouadane, dort kurz zur neuen Tankstelle und schliesslich auf der heftig verdünten Wellblechpiste auf dem südlichen Plateau weiter bis in die Grasbüschel beim Tichlaf.

Tag 3 (259 km): Über langgezogene Wellendünen fahren wir zügig in die hügeligen Regionen Edzidil und dann Guenenoua östlich von El Ghallaouiya, wo sich diverse präislamische und neolithische Grabmonumente befinden. Durch das dort zuerst steinige, dann mit Minibüschelgras hart bewachsene, rumpelige Gelände umherlavierend, erreichen wir danach die imposanten Dünenketten des Erg Denâder, einem Ausläufer des Erg Maqteir, denen wir für die nächsten gut 100km voller Genuss folgen.

Tag 4 (143 km): Die Orientierung zwischen den Dünen wird zunehmend schwieriger, der Sand weicher und unberechenbarer, aber es mehren sich auch die steinige Flächen und bald haben wir den Erg hinter uns. Auf den nun folgenden Plateaus mit Hamada, grobem Reg und vielen Steinen ist die Fahrt meist langsam und nur auf dem harten Lehm der dazwischen liegenden, eindrücklich hellen Sebkeths kann gelegentlich etwas Gas gegeben werden. Doch die letzten 30km auf der Sohle breiter Canyons sind schliesslich richtig schnell und angenehm zu fahren. Ein abwechslungsreicher Tag in grossartigen Landschaften!

Tag 5 (138 km): Während einer sehr steinigen Hügelquerung stossen wir zufällig auf zwei schöne Goulette-Gräber und ein Stehlengrab, bevor wir auf meist schnellem Reg und Sand, einer Falaise nach Nordosten folgend, die letzten 40km nach El Mreiti fahren. Beim versiegten Brunnen, anderthalb Kilometer vor dem heute ausschliesslich vom Militär belegten Ort, werden wir abgefangen und zur Basis begleitet. Nach der Aufnahme unserer Daten (Fiche, Pässe, Passeavant), einer freundlichen Befragung (woher, wohin, wann eingereist, Drohne) und der Prüfung unseres geplanten Itinéraires nach Norden, entschuldigen sich die Militärs schliesslich für die längere Verzögerung, kippen uns 40l Diesel in den Tank und wünschen uns bon voyage! Schon bald erreichen wir bei Karêt den vom Capitaine noch erwähnten Brunnen, eigentlich eine moderne Wasserversorgungsanlage, wo Grundwasser aus 50m Tiefe hochgepumpt, aufbereitet und dann von Lastwagen in der Region verteilt wird. Nach einem Tag mit freundlichen Begegnungen im Irgendwo stellen wir uns wie verloren auf die schier endlos weite Regebene ins Nirgendwo.

Tag 6 (145 km): Wir befinden uns im plein-plain-desert-Gürtel des Tiris-Zemmour, zwischen dem Tmimichat-Krater im Westen und dem sagenumwobenen Chegga nah der algerischen Grenze. Nach Norden unterwegs queren wir deshalb immer wieder breit zerfahrene West-Ost-Versorgungsrouten vom Militär und den Goldgräbern. Anfänglich kommen wir auf feinem Reg recht zügig voran, dann geht's durch steinig-sandiges Gebiet lavierend eher harzig vorwärts, aber schliesslich wieder auf topfebenem, harten Sand so richtig schnell bis in die Region Aguelt Nsara.

Tag 7 (189 km): Entspannt geht's nach wie vor auf Reg und hartem Sand, ab und an von kurzen steinigen bzw. grasbüschligen Passagen unterbrochen, zu einem mit 250m Spannweite sehr grossen Antennengrab und dann an weiteren, eher unscheinbaren Gräbern vorbei direkt nach Norden. Als wir am frühen Nachmittag, noch etwa 30km südlich der Grenze zur DARS, in der Ferne Lastwagen vorbeibrausen sehen, sind wir zuerst etwas irritiert, da die Normalroute nach Tindouf deutlich näher der Grenze entlang führt. Bald entpuppen sich die LKWs aber als Baukipper und sie brausen auf dem bereits erstellten Trassee der neuen Transsaharienne, an der hier offensichtlich fleissig gebaut wird (mehr dazu). Da das Gelände nahe am Trassee extrem verkarrt und mit Schutthügeln übersät ist, folgen wir der zukünftigen Strasse meist in deutlichem Abstand.

Tag 8 (136 km + 78 km): Da wir neugierig sind, wie die Streckenführung der neuen Strasse verläuft, beschliessen wir, ihr weiterhin so gut wie möglich zu folgen. So entern wir wohl als die ersten Reisenden freudig das hier schon fertiggestellte Trassee und blochen mit 80 km/h los. Leider ist aber nach einer halben Stunde bereits Schluss mit lustig, da im zunehmend hügeligen Gelände an vielen Abschnitten, insbesondere an den Ouedquerungen noch gebaut wird. Und die Fahrt auf der parallelen Servicestrasse, teils im total verfahrenen, holprigen und tief staubigen Baustellengelände und schliesslich auf dem mit Sandhaufen gesperrten Trassee ist nun mühsam.
Wohltuend dann der Grenzübertritt. Sowohl bei den Mauren, als auch bei den Algeriern werden wir wiedererkannt, freundlich verabschiedet bzw. willkommen geheissen und die Formalitäten verlaufen entspannt und in insgesamt gut zwei Stunden recht flott. Sogar das obligate Warten auf die Eskorte zum Hotel Djebilet in Tindouf wird uns vom Chef de Poste mit Datteln und Orangensäften versüsst.