Marokko

Wir erreichen Tanger Med

Um halb Zehn legt die Excelsior im Hafen von Tanger Med an und eine Stunde später können wir nach dem üblichen Gerangel die Fähre verlassen. Eine weitere knappe Stunde später haben wir den Zoll bereits hinter uns und stehen auf dem grossen Hafenparkplatz. Das ging diesmal rekordverdächtig einfach und das erste Mal ohne gescannt zu werden. Wir erstehen noch eine INWI-SIM-Karte, lassen am Automaten Dirhams raus und bleiben für den Rest der Nacht gleich hier.

Den Grund dafür, dass wir letztlich doch 5 Stunden Verspätung hatten, sehe ich, als ich mir den aufgezeichneten Track der Fähre anschaue und mit einem früheren vergleiche. Der Kapitän wollte/durfte ganz offensichtlich nicht aufs offene Meer, was wohl daran lag, dass ein Rettungsboot fehlte:

Durch die Pforte von Taza

Von Tanger Med sind wir meist auf kleinsten Strässchen übers westliche Rif-Gebirge nach Süden und dann durch die von Olivenhainen und Olivenplantagen geprägte Landschaft zwischen Rif und Mittlerem Atlas via Taza nach Osten gefahren.

Unterdessen stehen wir in der steinigen Gegend südlich von Guercif in einer Ausbuchtung der Falaise zum Rekkam-Plateau, wo ganz in der Nähe Deriss und seine Eltern ihr bescheidenes Zuhause haben.

Übers Rekkam-Plateau nach Goulmima

Von Deriss' Dorf gibt es eine gute Schotterpiste die Falaise hoch aufs Rekkam-Plateau. Nach rund 6km haben wir die 500Hm hinter uns und auf 1400m Höhe tut sich die Weite der recht öden, riesigen Hochebene vor uns auf.

Wir verlassen die Schotterpiste, welche nach Osten führt, und wählen ab jetzt immer die direktesten Pisten nach Süden. So geht's also auf kleinsten, von Regenfällen ruinierten Wegen über ca. 200km bis kurz vor Anoual, wo wir uns plötzlich und unerwartet auf dem Asphalt eines 2016 abgebrochenen Strassenprojekts befinden.

Unterwegs sind wir auf kein einziges fahrendes Auto, wenige Camps mit Menschen und Tieren und zwei kleine Stauseen gestossen.

Ab Anoual fahren wir dann meist auf Strassen nach Westen und via Talsint und Erachidia nach Goulmima, das bereits zwischen dem Hohen Atlas und dem Saghro liegt.

Im Ksar von Goulmima

Der Ksar ist der traditionelle, befestigte Dorftyp der Amazigh (Berber), eine Ansammlung von dicht zusammengebauten und verschachtelten Lehmhäusern, manchmal einer Burg ähnlich umgeben von einer Mauer. Heute sind die meisten Ksars vom Verfall bedroht, einige museal restauriert und nur wenige noch bewohnt.

Der hiesige, teilweise renovierte Ksar ist etwa drei Hektaren gross, wurde einst von gegen 1000 und ist heute immerhin noch von etwa 500 Menschen bewohnt. Das liegt unter anderem daran, dass hier brauchbarer Wohnraum an Menschen aus den naheliegenden Bergen oder der Hochebene, die ihre Lebensgrundlage verloren haben, von der lokalen Gemeinschaft kostenlos zur Verfügung gestellt wird. So bleibt der Ksar am Leben.

Ein Weg in den Hohen Atlas ...

Wir stehen gerade beim Lac Isly auf genau 2300m über Meer mitten im Hohen Atlas. Schon seit gestern Abend ist es hier stark bewölkt und mit genau 0°C auch kalt, doch da sich ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolken drücken, denken wir, dass sich die angekündigten Schneefälle noch etwas verzögern.

Hierher gekommen sind wir zuerst auf Provinzstrassen in einem grossen Bogen durch die wunderschönen Landschaften nördlich und westlich von Goulmima. Es ging durch Schluchten, über Pässe, an den schmucken Bergdörfern und den sorgfältig kultivierten Gärten und Feldern auf den fruchtbaren Böden entlang der Oueds vorbei bis auf knapp 2000m.

Danach überquerten wir auf der Nationalstrasse den östlichen Hauptkamm des Hohen Atlas via den Tizi Tirherhouzine (2709m) nach Norden und bogen kurz nach Imilchil, beim Lac de Tislit, auf die gute Piste zum Lac Isly ab. Erstaunlich wie auch hier, stets höher als 2150m, gelebt und jede zugängliche Fläche nahe der Flussläufe beackert wird.

... und ein Weg wieder raus

Da sich die Bewölkung noch mehr auflockert und der Sonne erlaubt zu wärmen, beschliessen wir den Lac Isly zu umwandern. Der See liegt im Parc National du Haut Atlas Oriental und wird von der Agence Nationale des Eaux et Forets als 'Espace Lac Isly' propagiert. In den heissen Jahreszeiten ist er, so wie die ganze Gegend hier um Imilchil, ein beliebtes Ausflugsziel und ziemlich crowded.

Nicht so heute. Wir geniessen einen einsamen und ruhigen Spaziergang in dieser beeindruckenden Gebirgslandschaft.

Nach 6km und anderthalb Stunden zurück beim Bus sind die Wolken wieder dicht und es zieht ein kalter Wind, also machen wir uns schleunigst auf die Räder. Und tatsächlich, schon nach 15km auf dem Tizi Ouzanni (knapp 2400m) fliegen einige Schneeflocken in der Luft umher. Zum Glück blieb's bei den wenigen Flocken, denn auf den folgenden kurvigen Bergsträsschen, ab Tassent via Tagleft nach Westen zur Barrage Bin El Ouidane wird's manchmal nicht nur steil, sondern sehr steil.

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